Schlagwörter

, , ,

Anlässlich des heurigen Jahresempfangs haben wir den 2009 gestarteten „ÖGUT-Zukunftsdialog 2035“ nochmal unter die Lupe genommen. Monika Auer diskutierte mit Vertreter:innen der „ÖGUT New Generation“, Azadeh Badieijaryani, Bianca Pfefferer und Lukas Wagner, wie sich Themen wie Kreislaufwirtschaft, Partizipation, Erneuerbare Energie, Gender, Inklusion und Diversität verändert haben und wo es hingehen könnte. Das ungekürzte Gespräch gibt es hier als Interview.

ÖGUT-Zukunftsdialog: Was dachten wir 2009/2010 über die Zukunft?

Der ÖGUT-Zukunftsdialog war in den Jahren 2009/2010 ein umfangreicher Prozess, bei dem sich drei Dialoggruppen mit mehr als 40 Stakeholdern fast ein Jahr lang regelmäßig zur Diskussion über Herausforderungen und Lösungswege getroffen haben. Teil davon war auch eine Umfrage mit mehr als 80 Fragen über Zukunftsbilder und Maßnahmen – mehr als 1100 vollständig ausgefüllt Fragebögen kamen damals retour.

Die Befragungsergebnisse und die vier strategischen Leitlinien mit in Summe 15 Handlungsfeldern bilden die zentralen Ergebnisse des „ÖGUT-Zukunftsdialog 2035“.

  • Leitlinie 1: Durch Innovation zu neuen Ressourcen
  • Leitlinie 2: Viele Menschen – eine Gesellschaft
  • Leitlinie 3: Das gute Leben – zukunftsfähig
  • Leitlinie 4: Transparente Demokratie

Wem das jetzt ein zu knapper Rückblick ist: hier gibt es mehr Material dazu (und #staytuned – im Laufe des ÖGUT Geburtstagsjahres 2025 kommt bestimmt noch mehr!)

ÖGUT-Jahresempfang 2024: wo stehen wir?

Beim ÖGUT Jahresempfang 2024 haben wir die Ergebnisse und Leitlinien nochmals hervorgeholt und mit Vertreter:innen der „ÖGUT New Generation“ unter die Lupe genommen. Im Gespräch mit Monika Auer haben Sie Ihre Beobachtungen dazu geteilt.

Als Einstieg zeigte Monika Auer eine Grafik aus den Leitlinien, die damals „die Sorgenliste“ genannt wurde:

Grafik aus ÖGUT Zukunftsdialog 2035: „Sorgenliste“ der Entscheidungsträger:innen und Meinungsbildner:innen (Stand 2009)

Monika Auer: „Interessant finde ich daran, dass sowohl Klimakrise als auch Populismus damals, also 2009/2010, im Ranking der Sorgen vergleichsweise weit hinten lagen. Das würde aus heutiger Sicht vielleicht deutlich anders aussehen (aber im Nachhinein ist man immer klüger)“

Wie weit die Community bei anderen Themen damals den richtigen Riecher hatte und welche Themen heute anders formuliert würden haben sich die ÖGUT-Mitarbeiter:innen Azadeh Badieijaryani (Gender und Diversität), Bianca Pfefferer (Bauen und Energie) und Lukas Wagner (Ressourcen) angesehen. Diese drei Kolleg:innen sind Teil der ÖGUT New Generation.

Der Dialog über den Zukunftsdialog

Monika Auer: Bianca, was ist dir am “ÖGUT-Zukunftsdialog 2035” aufgefallen? Als Person und natürlich auch im Zusammenhang mit den Themen, mit denen du dich in der ÖGUT beschäftigst? Gab es große Veränderungen, spannende Entwicklungen, hat etwas ganz gefehlt?

Bianca Pfefferer: Im Jahr 2009, als die Arbeit am ÖGUT-Zukunftsdialog 2035 begann, habe ich gerade mein Studium begonnen. Seither beschäftige ich mich intensiv mit den Themen erneuerbare Energiesysteme und Gebäudetechnologien. Aus meiner Sicht hat sich in den letzten 15 Jahren der Schwerpunkt von einzelnen Aspekten wie Technologieentwicklung und Effizienzsteigerung in Richtung einer gesamtheitlicheren Betrachtung des Energiesystems entwickelt. Das spiegelt sich auch insofern wider, als sich 2009 im Zukunftsdialog eine Frage der Erreichung von 100% Erneuerbare bis 2035 widmet.

Heute befassen wir uns auch aufgrund der veränderten politischen Rahmenbedingungen und den europäischen und nationalen Zielen mit der Erreichung der Klimaneutralität – natürlich spielen hier die Erneuerbaren und die Energieeffizienz immer noch eine entscheidende Rolle. Der Zugang zum Thema ist aus meiner Sicht aber nun umfassender – im Sinne eines notwendigen Zusammenspiels diverser Technologien und Sektoren und einem vernetzten und integralen Denken und Handeln.  Im Gebäudebereich haben wir uns 2009/2010 mit Passiv- und Niedrigstenergiehäusern beschäftigt, erste Plus-Energie-Gebäude wurden als Vorreiter gebaut, um die Umsetzbarkeit zu testen. Heute bauen wir Plus-Energie-QUARTIERE als wichtige Bausteine einer Klimaneutralen Stadt. In einer klimaneutralen Stadt müssen die Bereiche Energie, Gebäude, Mobilität, Ressourcen – Stichwort Kreislaufwirtschaft – aber natürlich auch ihre Bewohner:innen als Prosumer und als Nutzer:innen gemeinsam gedacht werden. Hier sehen wir gerade erste Schritte und Umsetzungen, wie dies gelingen kann. 

Monika Auer: Und Lukas, wie ging es dir nach der Lektüre der strategischen Leitlinien?

Lukas Wagner: Mir persönlich scheint das Thema gesellschaftliche Polarisierung und Desinformation in den vergangenen 15 Jahren immens an Wichtigkeit zugenommen zu haben. Ich sehe heute darin nämlich eine sehr große Herausforderung, weil eine sozial gerechte, ökologische Transformation, wie ich sie mir für unsere Gesellschaft wünsche, nur gemeinsam gelingen kann. 

Im Kontext meiner Arbeit habe ich mich gefreut, dass die Kreislaufwirtschaft beim Zukunftsdialog bereits als Thema vorkommt. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan: sowohl auf nationaler Ebene mit der Kreislaufwirtschaftsstrategie als auch auf EU-Ebene, Stichwort Right to Repair, Erweiterte Herstellerverantwortung und ÖkoDesign-Verordnung.  Das Konzept Kreislaufwirtschaft beantwortet ja ganz zentrale Fragestellungen unserer Zeit wie Ressourcenknappheit, Klimakrise und Biodiversität. Gleichzeitig bietet es viele Ansätze, die schon heute umgesetzt werden können. Die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft ist also schon vielerorts im Gange, obwohl wir noch nicht in einem zirkulären System leben.

Monika Auer: Azadeh, auch Du hast Dich in den Zukunftsdialog vertieft, wie sieht das vom Standpunkt der Querschnittsmaterie Gender&Diversität aus? Sind gegenwärtige Herausforderungen ausreichend adressiert? 

Azadeh Badieijaryani: When the report was published, it made good progress in shifting the focus from only technology-based solutions for sustainability to a broader view that included economic, environmental, and some social aspects, like the importance of education and workforce training. However, the report’s approach to gender equality, inclusivity, diversity, and community involvement was still quite binary and limited, especially regarding intersectionality.

Today, we understand that factors like gender, economic status, ethnicity, health, abilities, and education are interconnected and have a major impact on how people experience fairness, access, acceptance, and resilience. For instance, senior women, often impacted by the gender pay gap and lower pensions, are more prone to energy poverty. At the same time, due to their metabolism, they often require higher heating temperatures to avoid health risks. Unfortunately, the standard energy-saving measures do not account for these differences to ensure the fairness of the measures. So, using an intersectional, people-centered approach is so important. It ensures that diverse perspectives are included in creating policies, conducting research, and developing and implementing solutions that address the needs of everyone involved in energy transitions and climate action. This way of thinking helps close workforce development gaps and better supports households and vulnerable communities. To achieve net-zero targets, we need to use the full range of talents, consider all perspectives, and make sure that everyone has the chance to contribute and benefit from new developments, ensuring no one is left behind.

Monika Auer: Kannst Du Beispiele nennen, wie wir diese Grundsätze umsetzen können?

Azadeh Badieijaryani: The first step in creating effective solutions is recognizing that one size does not fit all; different groups have unique needs. This is why we must prioritize community participation. Involving citizens in policy-making, research, and the development and implementation of technology helps create solutions that meet the diverse needs of society. This builds trust, empowers communities, and fosters resilience by making people feel included and invested. 

For example, research shows significant differences in how gender and age groups access information and make decisions about energy efficiency and renovations. Engaging with communities helps identify the best communication channels and understand the values and motivations behind their decisions. Is it comfort, health concerns, financial limitations, or a lack of energy or digital literacy that drives their choices? Do they get information from salespeople, doctors, neighbors, online forums, or local authorities? An intersectional, people-centered approach is effective for ensuring an equitable and sustainable strategy.  Cross-ministerial, cross-sectoral, and interdisciplinary collaborations are also crucial for bridging gaps. Bringing together gender experts with professionals in energy, economics, education, health, social affairs, and communication ensures a mix of expertise to create comprehensive strategies that benefit everyone. 

Monika Auer: Bianca, am Weg zur Vision – was braucht es da deiner Meinung nach? Was hatten wir 2010 schon, was kam seither dazu? 

Bianca Pfefferer: In meiner Vision der nahen Zukunft leben wir in einer weitgehend klimaneutralen Stadt, in der alle Bürger:innen Zugang zu nachhaltiger und leistbarer Energie haben. Die Weichen dazu sind teilweise bereits gestellt, aber wir müssen rasch in die breite Umsetzung kommen.  

2009/2010 war natürlich schon sehr viel an Technologien und Konzepten da, die in den letzten 15 Jahren noch weiterentwickelt und optimiert wurden. Eine Herausforderung, vor der wir aktuell stehen, ist zum Beispiel “Raus aus Öl und Gas” – dazu gibt es für ihre umfassenden Maßnahmen wie z.B. den Wiener Wärmeplan einen ÖGUT Umweltpreis für die Stadt Wien. Eine relativ neue Lösung zur Wärmewende sind zum Beispiel Anergienetze, die nachhaltige Wärme für Gebäudeverbände zur Verfügung stellen und praktisch überall realisierbar sind. Dabei werden mehrere Niedertemperatur-Quellen wie Abwärme, Umgebungswärme oder auch Solarenergie und ein Wärmespeicher mit einem Leitungsnetz verbunden. Eine Wärmepumpe bringt die Temperatur dann auf das richtige Niveau zum Heizen. Der große Vorteil gegenüber Einzel-Gebäude-Lösungen ist, dass alle angeschlossenen Gebäude ihre “Perlen” also ihre besten Potentiale in das System einbringen und nicht jedes Gebäude allein seinen Wärmebedarf decken muss. Im Vergleich zu einem „einfachen Kesseltausch” erfordert die Umsetzung dieser Netze aufgrund des einigermaßen komplexen Prozesses und vieler beteiligter Akteure einen gewissen organisatorischen Aufwand. Weil es, wenn es um langfristige Investitionen in Gebäude wie einer Sanierung oder dem Einbau eines nachhaltigen Heizsystems grundsätzlich viele Fragen gibt. Wir in der ÖGUT setzen uns aus verschiedenen Blickwinkeln mit diesen Herausforderungen auseinander – einerseits geben wir Empfehlungen für verbesserte politische Rahmenbedingungen für eine verstärkte Umsetzung von Anergienetzen, andererseits unterstützen und begleiten wir Gebäudeeigentümer:innen ab der ersten Idee bis zur Umsetzung. Damit es am Ende eine gute Lösung für alle gibt.  Wir sehen also, dass es abgesehen von innovativen technischen Lösungen aktuell auch verstärkte Bewusstseinsbildung braucht, Kommunikation und das Engagement von Bürger:innen, z.B. in deren Rolle als Gebäudeeigentümer:innen als Initiatoren.

Monika Auer: Lukas, du hast eingangs gesagt, dass die Transformation bereits im Gange ist, obwohl unser System noch nicht zirkulär ist. Was bedeutet das aus deiner Sicht für den Transformationsprozess hin zu einer Kreislaufwirtschaft? 

Lukas Wagner: In meinen Augen stößt der Transformationsprozess dadurch in gewisser Weise an seine Grenzen: auf der einen Seite gibt es dieses positive Zukunftsmodell Kreislaufwirtschaft, auf der anderen Seite gibt es da aber auch die Realität, die da heißt: lineares Wirtschaftssystem. Teil von diesem Wirtschaftssystem ist nicht nur die Industrie, sondern auch die Politik und die Gesellschaft. Dieses System hat uns in die missliche Lage gebracht, dass wir heutzutage versuchen, unsere Bedürfnisse vorwiegend durch den Besitz materieller Güter zu befriedigen. Wir werden bei der Verleihung der ÖGUT Umweltpreise in den Kategorien „Mit FTI zur Kreislaufwirtschaft“ und „Unternehmen am Weg zur Kreislaufwirtschaft“ im Anschluss an unser Gespräch noch sehen, was es heißt, unter diesen Rahmenbedingungen zirkuläre Geschäftsmodelle umzusetzen. 

Vor diesem Hintergrund freue ich mich um so mehr, dass die Kreislaufwirtschaftsstrategie ganz zentrale Dinge in Frage stellt, wie „Welche Produkte brauchen wir wirklich?“. Darum geht es nämlich beim Thema Refuse: Die Frage ist, wie wir in Zukunft unsere Bedürfnisse befriedigen. Für eine ehrliche Beantwortung dieser Frage braucht es aus meiner Sicht eine ganzheitliche Transformation unserer Gesellschaft. 

Um das zu erreichen, braucht es Aktivitäten auf ganz verschiedenen Ebenen: Es braucht natürlich Forschung, Innovation und Technologie. In meiner Arbeit beschäftige ich mich aktuell aber auch mit dem Thema Qualifizierungsbedarf, bei dem die Menschen im Vordergrund stehen. Hier erlebe ich immer öfter, dass die Aspekte Bewusstseinsbildung und Vernetzung hervorgehoben werden. Im unternehmerischen Bereich betrifft das zum Beispiel den Austausch entlang von Lieferketten, aber auch zwischen verschiedenen Abteilungen innerhalb eines Unternehmens.  Für eine Kreislaufwirtschaft braucht es aber nicht nur innovative Unternehmen, sondern auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen und vor allem ein entsprechendes Bewusstsein in der Gesellschaft. Wenn ich zum Beispiel an Sharing-Modelle oder Service as a product denke, braucht es entsprechende Akzeptanz und ein Verständnis für die Ziele der Kreislaufwirtschaft in der Gesellschaft, sonst werden sich neue Geschäftsmodelle nur schwer durchsetzen. Und es braucht meiner Ansicht nach auch wieder neue Formen der gesellschaftlichen Vernetzung, zum Beispiel im Rahmen von ehrenamtlichen Initiativen wie man es bei Repair Cafés findet. 

Monika Auer: Um das Bild abzurunden, würde ich von euch noch gerne etwas zu persönlichen Aspekten erfahren. Was beschäftigt euch im Hinblick auf aktuelle Herausforderungen?

Bianca Pfefferer: Wir stehen aktuell vor großen Herausforderungen, und müssen umdenken und von Einzellösungen zu einem großen Ganzen kommen. Anergienetze und Plus-Energie-Quartiere sind Bausteine einer klimaneutralen Stadt bzw. eines klimaneutralen Energiesystems und zeigen, dass sich die verschiedenen Disziplinen oder Sektoren abstimmen und miteinander reden müssen. Wir brauchen mehr Kooperationen und neue Kommunikationsprozesse und müssen die Menschen als wesentliche Umsetzer:innen und Anwender:innen mit ins Boot holen. So gesehen stimme ich Lukas ganz zu in seinem Wunsch nach mehr Begegnung. Die Transformation zu einem klimaneutralen Energiesystem braucht abgesehen von Innovation und Technik auch die Einbindung und das Mitwirken aller Beteiligter – sie kann nur gemeinsam gelingen. 

Lukas Wagner: Da kann ich jetzt auf mein persönliches Statement vom Anfang zurückkommen, in dem ich meine Sorge zur gesellschaftlichen Polarisierung ausgedrückt habe: Meine Hoffnung ist nämlich, dass sich durch die Kreislaufwirtschaft wieder mehr Räume zur Begegnung eröffnen sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik und der Gesellschaft. Und ich glaube, dass wir diese Begegnung ganz dringend wieder brauchen, auch wenn sie vielleicht zu einem gewissen Grad erst wieder erlernt werden muss. 

Azadeh Badieijaryani: One major difference from 15 years ago is the rapid pace of change driven by AI and automation. It’s vital to recognize that keeping up with these changes can be challenging. While AI holds great potential to increase access and create new opportunities, we must also be aware of its potential downsides, such as privacy breaches, reinforcing bias and discrimination, and perpetuating gender stereotypes that we strive to move beyond. 

Embedding holistic, intersectional, and people-centered approaches can help us address these challenges too. Integrating gender equality, inclusivity, and diversity into policy, research, and development can be transformative. By doing so, we can build a more resilient, equitable, and sustainable future that empowers and benefits everyone in society. 

Zum Weiterlesen:

Sie haben Fragen? Schreiben Sie uns gerne!
office@oegut.at