von Gerhard Bayer

Im Neubau ist die Energiewende vielerorts schon angekommen. Niedrigenergie-, Passiv- und Plusenergiehäuser sind Stand der Technik. Aber was machen wir mit dem historisch gewachsenen Gebäudebestand in den Städten? Wie kann z.B. ein Wiener Gründerzeit-Häuserblock für die Energiewende fit gemacht werden? Und was würde das kosten?

In den Forschungsprojekten „smart block II Energy“ und „SEFIPA“ wurden für Wiener Gründerzeithäuser die Vollkosten folgender Energielösungen untersucht:

  • Erdgas-Einzelwohnungsheizungen
  • Erdgas-Hauszentralheizung
  • Fernwärmeversorgung
  • Geothermie-Tiefenbohrungen mit Wärmepumpe und Hybridsolarkollektoren

Vollkostenvergleich von Heizung und Warmwasser, Stand Juni 2017. Quelle: ÖGUT (smart block, SEFIPA)

Sind umweltfreundliche Heizsysteme teurer als die fossile Erdgas-Standardlösung?

Aus der Untersuchung konnten zu dieser Frage folgende Erkenntnisse abgeleitet werden:

Erste Erkenntnis: Bei der Variante mit eigener Gastherme in jeder Wohnung ist es am teuersten, gar nichts am Heizsystem zu ändern. Das Weiterführen dieses Heizsystems hat für MieterInnen und VermieterInnen sowohl im sanierten als auch im unsanierten Zustand die höchsten Vollkosten. Demnach ist aus wirtschaftlicher Sicht eine Investition in eine Gas-Hauszentralheizung und die Steigleitungen im Gang eine gute Investition. Aus ökologischer Sicht hat die Gas-Hauszentralheizung den Vorteil, dass sie die Voraussetzung für einen späteres, ökologischeres Wärmebereitstellungssystem wie Fernwärme oder Geothermie-Wärmepumpensystem schafft.

Zweite Erkenntnis: Die gesamten Kosten der Geothermielösung sind nur geringfügig höher als die Erdgaslösung. Betrachtet man allerdings die Kostenaufteilung zwischen VermieterInnen und MieterInnen, so ist diese Variante für die VermieterInnen die teuerste Lösung und für die MieterInnen die billigste. Im Mietwohnbereich ist laut Mietrechtsgesetz der/die VermieterIn zur Investition in die Heizanlage verpflichtet und darf diese Kosten nicht an die MieterInnen weitergeben. Eine vergleichsweise umweltfreundliche Variante wie die Geothermielösung, welche hohe Investitionskosten und geringe laufende Energiekosten hat, ist für VermieterInnen finanziell gesehen unattraktiv.

Dritte Erkenntnis: Will man die Verbreitung solch nachhaltiger Energielösungen forcieren, so  bedarf es einer Lösung, wie der hohe Investitionsaufwand fair zwischen MieterInnen und VermieterInnen aufgeteilt werden kann, sodass beide Gruppen profitieren. Ein mögliches Geschäftsmodell ist dabei das Wärme-Liefercontracting. Ein Contractor darf sehr wohl, wie dies ja auch die Fernwärme Wien tut, Kosten der Investition auf die laufenden Energiebereitstellungskosten übertragen.

Vorteile eines liegenschaftsübergreifenden Energiesystems

Wird ein Geothermie-Wärmepumpen System mit sommerlicher Aufladung des Erdkörpers (dieser wird im Sommer durch Solarenergie und durch die Abwärme bei der Kühlung der Wohnräume erwärmt) liegenschaftsübergreifend betrieben, so hat dies mehrere Vorteile:

  • Bei der gemeinsamen Errichtung der Bohrungen können Kosten gespart werden.
  • Hat eine Liegenschaft z.B. mehr Solarflächen, als sie braucht, so können damit auch andere Abnehmer mitversorgt werden. Andere Liegenschaften haben z.B. wiederum mehr Fläche für Tiefenbohrungen zur Verfügung. Vorhandene Potenziale können in einem Verbundnetz (Anergienetz) ausgetauscht werden.
  • Lastschwankungen werden bei einem gemeinsamen Anergienetz ausgeglichen.
  • Die Betriebsführung wird kostengünstiger.

Schematische Skizze eines Anergie-Netzes in einem Wiener Gründerzeit-Häuserblock. Quelle: ÖGUT (smart block, SEFIPA)

Vierte Erkenntnis: Eine liegenschaftsübergreifende Geothermie-Wärmepumpenlösung mit Anergienetz hat ein großes Potenzial zur Kostenreduktion. Allerdings ist bei einem bestehenden Häuserblock nur ein „Schritt für Schritt“-Ausbau eines solchen Verbundnetzes realistisch, da die Wärmepumpe ein Niedertemperatursystem ist und daher das Zusammenspiel von Dämmstandard und Wärmeabgabesystem (Fußboden- bzw. Wandheizung) über die Anwendbarkeit entscheidet. Dies bedeutet in den meisten Fällen umfassende bauliche Maßnahmen in den Gebäuden.

Unser Resümee: Die Energiewende ist auch im Althausbestand machbar und leistbar!
Bei liegenschaftsübergreifenden Lösungen bedarf es eines Investors bzw. Betreibers, der bereit ist, höhere Anfangsinvestitionskosten in Kauf zu nehmen, um das Projekt mittelfristig wirtschaftlich betreiben zu können.

Nähere Infos zu den Projekten:

Smart block II Energy
Der Weg hin zu einer energieeffizienten nachhaltigen Smart City erfordert große Veränderungen hinsichtlich des Energieverbrauchs und des Mobilitätsverhaltens. Insbesondere bei Bestandssanierungen in urbanen Ballungsräumen stößt die Umsetzung von Maßnahmen auf große Hindernisse. Das Projekt sondiert, wie liegenschaftsübergreifende Lösungen in den Bereichen Energie, Mobilität umgesetzt und welche neuen Finanzierungsmodelle und Beteiligungs- und Kommunikationsstrukturen zielführend sind.

www.smartcities.at/stadt-projekte/smart-cities/smart-block-step-ii/
www.oegut.at/de/projekte/partizipation/smartblock.php

Sustainable Energy Financing Platform in Austria (SEFIPA)
Ziel des Projekts „SEFIPA“ ist es, innovative Lösungen (Finanzierungsprodukte, regulative Maßnahmen und Informationskampagnen) zu entwickeln und in Form von Projekten umzusetzen, um damit zusätzliche Investitionen in Nachhaltige Energien (Energieeffizienz und Erneuerbare Energieträger) in Österreich anzuregen.
www.sefipa.at
www.oegut.at/de/projekte/investment/sefipa.php